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Streiken in der Pandemie? ver.di zeigt, wie‘s geht!

Streiken in der Pandemie? ver.di zeigt, wie‘s geht!

26.01.2021

Die Gewerkschafter der Wach- und Sicherheitsbranche in NRW befinden sich trotz Corona im Arbeitskampf.
Michael U. Schiebort von Kötter in Essen ist vorne mit dabei.

Es ist eine Streikkonferenz der besonderen Art, die Andrea Becker, Leiterin des ver.di-Landesfachbereichs „Besondere Dienstleistungen“, an einem Freitagvormittag im Januar eröffnet. Männer und Frauen aus ganz Nordrhein-Westfalen, allesamt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen der Wach- und Sicherheitsbranche, haben sich versammelt – und sitzen doch bequem zu Hause am Küchentisch oder auf dem Sofa.

Hohe Verantwortung – mieser Lohn

Die Technik – eine gängige Software für Konferenzen im Internet – macht‘s möglich.
Und die Bereitschaft der Kolleginnen und Kollegen, für ihre Interessen zu streiten.
Mit dabei: Michael U. Schiebort, Betriebsrat bei Kötter Security in Essen und außerdem betrieblicher Streikleiter und Mitglied der Tarifkommission. Wochenlang hat er unter seinen Kolleginnen und Kollegen für die gemeinsame Sache geworben und ist dafür auch in das Kostüm eines Corona-Helden geschlüpft, um den Arbeitgebern die Coronahelden-Rechnung zu präsentieren. Denn als Corona-Helden hat so mancher Arbeitgeber des Gewerbes seine Beschäftigten gelobt, die ihren Dienst weiterhin zuverlässig in aller Öffentlichkeit versehen, während viele andere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihr Infektionsrisiko im Homeoffice reduzieren können. Nur entsprechend honoriert werden soll das nicht, wenn es nach den Arbeitgebern geht.
„Auch wir sind systemrelevant“, betont Schiebort. Und tatsächlich schützen die rund 52.000 Beschäftigten der Wach- und Sicherheitsdienste im Land oft Millionenwerte, tragen hohe Verantwortung und sind dabei mitunter Gefahren für Leib und Leben ausgesetzt.
Doch angemessene Entlohnung ist Fehlanzeige.
Stattdessen werden Wach- und Sicherheitsleute von den Unternehmen mit einem Entgelt abgespeist, das kaum über dem Mindestlohn liegt.
Dabei boomt die Branche, wie auch eine Umfrage in der Streikversammlung zeigt. Durchweg von mehr Arbeit wissen die digital Anwesenden zu berichten. Und tatsächlich wären 9.000 Arbeitsplätze zusätzlich zu besetzen, wenn sich denn ausreichend Personal fände, das bereit ist, für ein kaum zum Leben reichendes Entgelt häufig überlange Arbeitszeiten abzuleisten.
„Nach 45 Jahren Arbeit in Vollzeit in der unteren Lohngruppe steht am Ende eine Rente mit gerade einmal sechs Euro mehr als die Grundsicherung“, so umreißt Michael U. Schiebort die sozial prekäre Lage vieler Beschäftigter der Branche. Manche müssen trotz Vollzeitjob als sogenannte Aufstocker noch Geld von der Arbeitsagentur in Anspruch nehmen, weil das Einkommen selbst für einen sehr bescheidenen Lebensunterhalt nicht reicht. So machen die Arbeitgeber ihre Rendite nicht nur auf Kosten der Beschäftigten, sondern zu Lasten aller in die Arbeitslosenversicherung einzahlenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Angemessene Forderungen – sture Arbeitgeber

Ein Euro mehr pro Stunde, mindestens aber 6 Prozent sind für die Kolleginnen und Kollegen im Stundenlohn gefordert, 3 Prozent für die Gehaltsbezieher, und zwar bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von 12 Monaten.
Angesichts der Arbeitsbedingungen ist das keineswegs übertrieben, sondern maßvoll.
„Wir wollen vernünftig leben können“, sagt Michael U. Schiebort.
Wer sollte dagegen im Ernst etwas einwenden?
Aber die Arbeitgeber zeigen sich stur. Ihr bisher letztes Angebot: 1,9 Prozent ab 1.3.2021 und 2,6 % ab 1.1.2022 bei einer Laufzeit von 24 Monaten. Für die Streikkonferenz ist das eine glatte Provokation, die die Kampfbereitschaft aber eher steigert. Was unter den gegenwärtigen Bedingungen alles andere als selbstverständlich ist.

Solidarität in schwierigen Zeiten

Denn in normalen Zeiten erfahren die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Stärke im gemeinsamen, solidarischen Handeln unmittelbar. Gemeinsam legen sie die Arbeit nieder, verlassen gemeinsam den Betrieb und gehen gemeinsam zur Streikversammlung. In einer Branche mit stark ausbaufähigem gewerkschaftlichen Organisationsgrad ist das sowieso schon keine leichte Sache. Wegen der Pandemie sind die Möglichkeiten, sich vor den Betrieben zu versammeln und zu demonstrieren, jetzt aber sehr stark eingeschränkt. Jetzt muss sich jeder Einzelne allein dafür entscheiden, nicht zur Arbeit zu gehen und dabei unter Umständen dem Druck von Vorgesetzten standhalten – und erfährt erst später, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen mitmachen. „Streikrecht ist Grundrecht, Streiken ist lebendige Demokratie“, hat Schiebort seinen Kolleginnen und Kollegen erklärt und zusammen mit anderen Aktiven bei Kötter in Essen für eine gute Streikbeteiligung gesorgt.
Auch bei den anderen Größen der Branche hat es an diesem Morgen geklappt, wie auch schon an den Streiktagen zuvor. Und die digitale Solidarität wird weiter funktionieren, daran lässt der Verlauf der virtuellen Streikkonferenz keinen Zweifel. Die Berichte aus den Betrieben zeigen, dass es gelungen ist, ganze Objekte zu bestreiken. Teilweise erreicht die Streikbeteiligung 100 Prozent. In manchem Betrieb wurde die Arbeit zum ersten Mal niedergelegt. Auch Kolleginnen und Kollegen, die nicht in der Gewerkschaft organisiert sind, machen mit. Wenn die Arbeitgeber glauben, die Pandemie würde ihnen in die Hände spielen, dann haben sie sich geschnitten. Selbst der Einsatz von Streikbrechern aus Fremdunternehmen, über den berichtet wird, irritiert die Kolleginnen und Kollegen nicht. Michael U. Schiebort bringt es in seinem Redebeitrag in der Streikkonferenz auf den Punkt: „Wir lassen uns nicht einschüchtern. Von dem, was in den unteren Lohngruppen gezahlt wird, kann niemand leben. Wir kämpfen weiter.“

Trotz Schlichtung weiter streikbereit

Noch zeigen sich die Arbeitgeber kompromisslos. In den letzten Verhandlungen am 18. Januar haben sie sich nicht bewegt, ihre Verhandlungsbereitschaft ist gleich Null. Deshalb geht der Tarifkonflikt jetzt in die Schlichtung. Am Ende werden die Tarifkommission und die Gewerkschaftsmitglieder das Wort haben und über den Schlichterspruch entscheiden. Dabei gibt es keinen Zweifel: Sollte das Ergebnis keine we-sentliche Verbesserung für die Beschäftigten in der Wach- und Sicherheitsbranche bringen, dann sind die Kolleginnen und Kollegen bereit, wieder in den Streik zu treten. Denn Streiken in der Pandemie – das geht! Wie Michael U. Schiebort und seine Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Gewerk-schaft ver.di gezeigt haben. 

Als Ansprechpartnerin steht Ihnen bei Nachfragen Andrea Becker unter +49 170 8002428 zur Verfügung. 

Anlage: Fotos (privat)
Coronaheld 1: Coronaheld Michael U. Schiebort in Aktion
Coronaheld 2: Coronaheld Michael U. Schiebort präsentiert den Arbeitgebern die Rechnung 

Coronaheld Michael U. Schiebort in Aktion Privates Foto Coronaheld 1
Coronaheld Michael U. Schiebort präsentiert den Arbeitgebern die Rechnung Privates Foto Coronaheld 2

Pressekontakt

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